Zugvögel, Paradiesvögel und America online

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An einem Tag wie heute, wo sich die Zugvögel laut schnatternd formieren und die große Reise Richtung Sonnenschein antreten, komme ich nicht drum herum zuzugeben, dass auch ich mitunter ruhelos bin. Ich würde gerne getreu Brechts Aussage: „Zahme Vögel singen von der Freiheit. Wilde fliegen.“ alles hinter mir lassen, was mich hält. Mich den Zugvögeln anschließen und frei sein.

Doch realistisch betrachtet weiß ich, dass Herr und Frau Zugvogel sich keineswegs aus lauter Freude darüber, dass die Brut endlich aus dem Nest ist, einen langen Urlaub gönnen. Sie verlassen die heimeligen Nester, weil sie mitteleuropäische Winter nicht überleben würden. Vorbei ist es mit meinem Neid, denn mir geht  auf, dass Zugvögel keineswegs frei von Zwängen sind.  Im Gegenteil: Sie brechen alljährlich zur selben Zeit zu ihrer Reise in das immer gleiche Winterquartier auf und kehren in jedem Frühjahr an dieselben Nistplätze zurück. Und sie folgen bedingungslos dem flinken Kerlchen an der Spitze.

Während ich noch dem Vogelschwarm nachschaue, komme ich nicht um die Frage herum, was es ist, dass manche Menschen ruhelos in die Ferne treibt. Und tatsächlich kenne ich ein paar solcher Paradiesvögel, die es fertig bringen, sich dekadenter weise alle paar Jahre eine längere Auszeit im exotischen Ausland zu gönnen. Die fern von Touristenrouten auf Kontinent X das Leben in Land Y ausprobieren. Weil die Lebensart der Menschen auf Insel Z so beneidenswert anders ist, planen manche sogar, dauerhaft auf eben jene umzusiedeln.

Hach muss das schön sein. Alles hinter sich zu lassen, um in südlichem Sonnenschein ohne den Ballast der Vergangenheit nochmal durchzustarten. Aber geht das überhaupt?

Die meisten von uns schleppen die Dinge ihrer Vergangenheit mit sich herum. Viel zu viel davon haben wir verdrängt und nicht bewältigt. Unbearbeitet und manchmal kaum zu (er)tragen, schleppen wir unsere Dinge durch das Leben und belasten im schlimmsten Fall auch die, die wir lieben. Kann es sein, dass das Gefühl der Enge, der Ruhelosigkeit und das Bedürfnis nach dem scheinbar zwanglos leichten Neuanfang am anderen Ende der Welt eine Flucht ist vor den Dingen, die in uns drin nach Bearbeitung schreien?

Es fällt auf, wie viele von uns versuchen, die eigenen Altlasten in der Ferne loszuwerden. Sabbatical, Jakobsweg. Surfschule in der Südsee. Und so weiter und so fort…

Man kann zu vielen Reisen aufbrechen. Aber die eigentliche Frage ist doch die: Egal wie weit wir reisen, wie schnell wir weglaufen, können wir der Vergangenheit  jemals entkommen?

Der chinesische Gelehrte Konfuzius hat mal gesagt: „Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen.“

An Tagen, wo mich die Ruhelosigkeit antreibt, versuche ich mich zu fragen, ob ich wohl mit ganzem Herzen gehen würde. Ich glaube inzwischen fest daran, dass die Welt, so wundervoll sie auch ist, uns keinen Frieden schenken kann. Den findet man nur in sich selber.

Neulich habe ich mein E-Mail-Postfach sortiert und im Spamordner zahlreiche Mails von einer AOL- Adresse entdeckt. Sie alle kamen von einem Geist aus meiner Vergangenheit. Ich hatte keine Ahnung davon, dass „America online“ noch immer online ist und noch weniger von der Existenz der Gefühle dieses Menschen aus einem anderen Leben. Beide gibt es noch. Und der Geist meiner Vergangenheit hat den Teil seines Herzens, den er einst mir geschenkt hat, bis heute nicht neu besetzt. Wohin er auch gegangen ist, er hat diesen Teil seines Herzens zurück gelassen. Ich weiß nicht, was ich von Erkenntnissen wie dieser halten soll. Da ist jemand aus meinem Leben gegangen, um in der Ferne glücklich zu werden, aber den Teil von sich, mit dem er glücklich sein wollte, hat er zurück gelassen.

Jeder muss seinen Weg gehen und jeder kann umkehren, wenn er sich verlaufen hat. Aber wenn es jemanden gibt, den wir im Herzen mitnehmen, wohin wir auch gehen, dann ist es möglicherweise an der Zeit, an den Ort zurückzukehren, wo unser Herz sein möchte. Niemand von uns hat ewig Zeit. Denn eines ist sicher. Das Leben geht weiter. Aber irgendwann ohne uns.

Alles Liebe

Pauline

 

 

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